Die Energiewende: Prüfstein für die älteste Demokratie der Welt?

Ich habe eine Woche im US-Bundesstaat New Mexico verbracht – und ein wunderschönes, zerrissenes Land mit vielen guten Ideen und Angst vor Repressionen erlebt.

Auf Einladung der Universität New Mexico und des Staates New Mexico hatte ich das Privileg, wieder einmal eine Woche ganz tief in den US-amerikanischen Alltag einzutauchen. Die USA kenne ich natürlich durch Dreharbeiten und Filmtouren in- und auswendig, und doch hat das Land immer wieder neue Facetten zu bieten. Meine Gastgeberin war diesmal Katja Schröter, die dort an der Fakultät für Germanistik als Professorin für deutsche Filmgeschichte zuständig ist.

Anlass war mein neuer Film „Climate Warriors“, der Energiewende-Helden auf beiden Seiten des Atlantiks portraitiert. Das Ziel: Mit Studenten und Interessierten den Film und seine Themen auf Deutsch zu diskutieren – und gleichzeitig lokale und regionale Initiativen entdecken und mit ihnen ins Gespräch kommen.

New Mexiko ist ein spannender Fleck Erde: Der US-Bundesstaat ist etwa so groß wie die alte Bundesrepublik, hat zwei Millionen Einwohner. Davon konzentriert sich die Hälfte in Albuquerque – und nicht weit entfernt in Santa Fe. Das ist tatsächlich der Ort, den man aus Wildwest-Filmen kennt. Das Leben hier läuft durchgehend zweisprachig auf Englisch und Spanisch. Die Architektur insbesondere in Senta Fe ist Pueblos, den Lehmhäusern, nachempfunden.

In den kommenden Tagen wird dieser Text laufend mit weiteren Aspekten ergänzt.

TEIL 1: Energiewende: Nicht national, dafür regional und zerstückelt

Präsident Trump hat – neben einigen anderen Städten – auch Albuquerque Zuwendungen gestrichen, weil die Stadt ein sogenanntes Sanctuary ist: Sie gewährt Migranten Zuflucht. Darin spiegelt sich einer der großen inneramerikanischen Konflikte: Die States sind keineswegs United, sondern kämpfen untereinander oder gegen die Bundesregierung.

Tom ist einer der Vorkämpfer bei der Energiewende für New Mexico

Dasselbe passiert bei der Energiewende. Am 15. März 2019 hat die Gouverneurin von New Mexico den Energy Transition Act unterzeichnet. Sein Ziel: eine Reduktion der CO2-Emissionen auf null – bis zum Jahr 2045. Drei weitere Bundesstaaten der USA sind dabei. Dort, wo sich Widerstand formt und wo sich alle Nichtregierungs-Organisationen zusammentun, geschieht Veränderung in der Politik. Allerdings braucht es extremes Durchhaltevermögen: Der Vorgang in New Mexico hat 15 Jahre lang gedauert.

Reiche Natur, innere Zerrissenheit

Während meines Aufenthaltes hatte ich das Privileg, die Tent Rocks, einen heiligen Felsen der UreinwohnerInnen zu besteigen. Umgeben von üppiger Natur finden sich dort Höhlen, in denen früher Indigene gelebt haben. Dieses Erbe nehmen die USA zu wenig an, trotz ihres Gespürs zur Vermarktung der Nationalparks.

Denn Menschenrechte sind hier ein schwieriges Thema – auch innerhalb des Staates. Überall schimmert die Geschichte durch: nämlich das riesige Gebiet, dass die US-Amerikaner den Navajos und Apachen hier in New Mexico abgenommen haben. Es ist spürbar eines der traurigen Kapitel dieses Landes, dessen Wunden bis heute nicht verheilt sind: Denn die UreinwohnerInnen leben in Reservaten oder Orten, die für uns Europäer spürbar ärmlich wirken.

Diese Zerrissenheit – innerhalb der Bevölkerung und ihrer Lebensumstände, bei wichtigen Fragen der Energiewende oder auch bei Flüchtlingen – wird die USA in den kommenden Jahren auf eine harte Probe stellen. Die Energiewende könnte so zum Prüfstein für die älteste Demokratie der Welt werden.

 

TEIL 2: Algen – Lösung für die großen Probleme unserer Zeit?

Der letzte Höhepunkt der Reise war schließlich ein Bildungstag in unterschiedlichen innovativen Ökologie-Projekten aus der Region. Ganz besonders beeindruckte mich hier die Produktion der Alge Spirolina. Die Pflanzen entziehen der Luft CO2 in messbaren Mengen. Hier, unter Laborbedingungen, wachsen sie in Süßwasser. In Zukunft sollen sie in viel größerem Stil im Meerwasser gezüchtet werden, der Luft im großen Stil CO2 entziehen und gleichzeitig die Menschheit ernähren können. Ein ganz wichtiger Schritt, der beispielsweise in Japan bereits heute auf dem Teller zu finden ist.

Ein Algenpool in Albuquerque: Hier entstehen ökologische Ideen, die uns in naher Zukunft ernähren und die Umwelt heilen könnten

In einem anderen Projekt verstärken Forscher über den Wasserkreislauf zwischen nachhaltiger Fischzucht und Gemüseproduktion die Effektivität sowohl von Fisch als auch von Frucht. Ausscheidungen der Fische düngen die Tomatenstaude, die wiederum gereinigtes Wasser für die Fische liefern. Kombiniert mit den Algen könnte hier ein spannender, lebensrettender Kreislauf entstehen – davon werden wir in Zukunft noch hören.

 

TEIL 3: Climate Warriors in Highschools? No-go!

Doch zuerst zum Austausch mit den Menschen vor Ort. Höhepunkte waren zwei großen Kinovorführungen von „Climate Warriors“ in Albuquerque, die gut besucht waren und jeweils in über 90 Minuten Diskussion mündeten. In Seminaren an der Universität vertieften wir den Austausch über die Botschaften des Films. Und schlussendlich durfte ich an einer Highschool referieren – mein persönliches Highlight.

Vorweg: Die Zuschauer des Films waren durchweg begeistert. Allerdings sagten mir mehrere Lehrer klar und deutlich: Diesen Film kann und darf ich meinen Schülern nicht zeigen. Denn er sei ein „Anti-Trump-Film“, für den sie von den Behörden Ärger bekämen. Nach europäischem Verständnis ist „Climate Warriors“ sicherlich ein kritischer Film, der allerdings den Fakten treu bleibt. Diese Angst vor dem eigenen System hat mich wirklich überrascht und schockiert.

Meine Lösung: Wir zeigten unseren kurzen Dokumentarfilm aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis. Denn er illustriert ganz nüchtern am Beispiel eines Landkreises, wie die Welt ausschauen würde, wenn wir auf 100 Prozent Erneuerbare umstellen würden. Tatsächlich konnte sich das dort niemand vorstellen – das hat sie wirklich umgehauen, vor allem die Schüler.

 

TEIL 4: Verkehrswende mit Schlaglöchern

Bei jede dieser Diskussionen bekam ich die Frage gestellt: Wie lebst Du denn selber? Und so erzählte ich von unserem Plus-Energie-Haus und schließlich auch von meinem E-Auto. Für die US-Amerikaner ist Elektromobilität allerdings gleichbedeutend mit Tesla. Dass BMW E-Autos baut, ist hier bisher nicht durchgedrungen – daran werden die deutschen Autobauer noch schwer zu knabbern haben.

Albuquerque ist allerdings selbst Vorreiter und gleichzeitig abschreckendes Beispiel für die Verkehrswende. Überall in der Stadt sieht man entlang der Haupt-Verkehrsachsen Busspuren in der Mitte der Straße – exklusiv für Elektrobusse. Sie sollen das Rückgrat der nächsten Generation der Urban Transportationbilden. Das Problem: Die aus China importierten Busse bringen nicht die versprochene Leistung und funktionieren nicht richtig. Nun liegt in Albuquerque eine teure neue Infrastruktur brach – zumindest, bis funktionierende Busse angeschafft sind.

Das hat dem Image der Mobilitätswende nicht wirklich geholfen.

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