Ich mag die neue Radikalität der Grünen

Ein politischer Mensch, das war ich schon immer – aber keiner, der einer Partei anhängt. Meine einzigen zaghaften Gehversuche datieren aus der Schulzeit. Unter dem kritischen Blick meiner Freundin, die sich einer kommunistischen Partei angeschlossen hatte, machte ich Wahlwerbung für die CDU. Ich genoss die Bühne, die mir die Wahlwerbung bot und nutzte ausgiebig den Lautsprecher. Aber schon bald sah ich, wie sich die Funktionäre in der Wahlkommission zerfleischten. Diese Scheinheiligkeit führte dazu, dass ich der Parteipolitik schleunigst den Rücken zukehrte und mir schwor: Nie wieder Parteipolitik!

 

Dieses Gebot habe ich beherzigt – bis heute. Doch neuerdings ertappe ich mich dabei, mit dem Gedanken zu spielen, mich den Grünen anzuschließen. Nicht (nur) wegen ihrer starken Vergangenheit als ökologische Bewegung – sondern wegen ihrer deutlichen und klar definierten Ziele in Sachen Kohle- und Atomausstieg sowie zur Zukunft der Energieversorgung. Besonders in einem kürzlich veröffentlichten Beschluss des Vorstands der Bundestagsfranktion hat die Partei einen wesentlichen Sprung gemacht, der meines Erachtens den richtigen Ton zwischen Radikalität und Realismus trifft – nachzulesen unter diesem Link.

 

Beispiele aus dem Positionspapier gefällig? „Ab 2030 soll der Strom in Deutschland zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen.“ Weiter: „Wohnen bis 2040 klimaneutral machen.“ Und direkt danach: Klimaneutrales Bauen und CO2-freier Transport bis 2050.

 

Auf den ersten Blick stehen da Ziele und Zahlen. Schaut man genauer hin, sind sie jedoch klarer Ausdruck einer Rebellion gegen das heutige fossile System. Bei den Grünen schwafelt derzeit niemand politisch korrekt von einer Anpassung bestehender Strukturen, vielleicht, irgendwann. Ja, so war das nämlich zu Zeiten den rot-grünen Bundesregierung: Der Druck der Regierungsverantwortung hatte die Partei stellenweise verformt.

 

Heute ist die Stellung der Grünen ganz anders: Hier fordert eine etablierte deutsche Partei mit regionaler Regierungsverantwortung und reeller Chance auf mittelstarke Mitbestimmung einen grundlegenden Kurswechsel gegen eine verkrustete und scheinheilige fossile Energiewirtschaft – und zeigt in Zahlen auf, wie der Weg aussehen soll. Das ist geradezu realo-rebellisch!

 

Ich will Grüner werden – wegen dieser neuen Radikalität.

 

Das ist ein großer Schritt für mich. Aber auch die Welt hat sich seit meiner Schulzeit verändert. Damals herrschte noch die vermuffte Nachkriegszeit vor, in den allermeisten Ecken des Politikbetriebs war eine höchst konservative Grundhaltung erkennbar. Wobei mir der Gedanke des Konservativen nicht fremd ist. Conservare – der latinische Ursprung des Wortes – bedeutet „bewahren“, und darum geht es und Umwelt-Aktivisten ja im Grunde. Und es stimmt: Die erzkonservativen US-amerikanischen Republikaner setzten sich tatsächlich lange Zeit für den Klimaschutz ein.

 

Mittlerweile sind Jahrzehnte vergangen, und neue, populistischen und in meinen Augen oft antidemokratischen Strömungen vermengen sich zu einem explosiven Gemisch. Fakten zählen neuerdings weniger als Meinungen, und auch die Debatte um den Klimawandel zeigt den Irrsinn nur zu gut. Denn eigentlich gäbe es nichts zu diskutieren: Die Erderwärmung ist Tatsache und muss eingedämmt werden!

 

Dem will ich entgegentreten. Und zwar mit gleichgesinnten Rebellen.

 

Mein Credo: Jeder hat die Kraft, sich zu verändern. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich mich in Sachen Parteipolitik ändere – weil es letztendlich um die Zukunft unserer aller Leben geht.

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