Polen: Ein Land zwischen Aufschwung und Absturz

Ach ja – Polen. Hier war ich zuletzt vor 20 Jahren: Damals besuchte ich das Land, um die Oderkatastrophe zu dokumentieren – heute war ich zu Gast auf einem Design-Festival in einer schick-sanierten Halle in Posen. Poznań, wie die Stadt in der Landessprache heißt, ist die fünftgrößte Stadt Polens und verglichen mit meinen damaligen Eindrücken kaum wiederzuerkennen: Das Land befindet sich sichtbar im wirtschaftlichen Aufschwung.

Allerdings geht die Europawahl an der polnischen Bevölkerung scheinbar vorbei – Wahlplakate konnte ich kaum sehen, obwohl ich kurz vorher zu Gast war. Das ist tragisch, denn Europa spielt eine riesige Rolle beim polnischen Aufschwung: 2017 subventionierte die Europäische Union Polen mit 8,6 Mrd. Euro. Das Land ist Netto-Empfänger Nummer eins in der EU. Zum Vergleich: Deutschland ist mit ca. 11 Mrd. Euro Top-Netto-Zahler.

Meine Filme stießen dort auf großes Interesse – aber der Weg für Polen ist noch weit.

Ein weiterer Grund für die Renaissance der polnischen Wirtschaft: Deutsche Unternehmen verlagern ihre Produktion und Industrie immer weiter nach Osten. Das hat hohe ökologische Kosten zur Folge, einen verhältnismäßig hohen CO2-Ausstoß, knapp hinter Deutschland. Und das bei deutlich weniger Einwohnern! Der Grund: 90 Prozent der Energie und Wärme bezieht Polen aus einer völlig veralteten Kohleverbrennung, lediglich acht Prozent aus erneuerbaren Energien. Die Dynamik der Energiewende ist hier noch nicht angekommen.

Wenn Deutschland die Klimaziele weiterhin verfehlt, riskieren wir bis 2030 Strafzahlungen in Höhe von 65 Milliarden Euro. Und Polen? Was wird aus Polen, wenn Fördergelder wegfallen, die veraltete Kohleindustrie dem Druck nicht mehr Stand hält und dem Land immens hohe Strafzahlungen einbringt? Das Land muss sich jetzt unbedingt Gedanken über die wahren Kosten des wirtschaftlichen Aufschwungs machen – und gegenlenken.

Ich empfinde Bewunderung für meine polnischen Brüder und Schwestern, und ich wünsche Ihnen einen klaren Kopf, viel Energie für diesen wichtigen Wandel. Für mich persönlich war es ein berührendes Wiedersehen.

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