Verkehrswende in der Stadt: Wir müssen das Rad nicht neu erfinden

Das Auto als Fortbewegungsmittel ist in Ballungsräumen längst überholt. Einige europäische Städte haben interessante Verkehrskonzepte. Ein bekanntes Fortbewegungsmittel spielt dabei eine herausragende Rolle.

Unser städtisches Verkehrsbild, geprägt von Asphalt, ist historisch bedingt: Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die meisten deutschen Städte funktionell aufgebaut. Arbeitsplatz, Wohnen und Freizeit wurden räumlich voneinander getrennt. Das Auto war dabei das  Fortbewegungsmittel der Stunde. So entstanden überall in den Städte gut ausgebaute Straßennetze und Parkflächen – und das rächt sich heute besonders in den Innenstädten.

Derzeit leben beinahe 75 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung in Städten – Tendenz immer noch steigend. Zunehmen werden wahrscheinlich auch die Kfz-Zulassungen: Derzeit sind ungefähr 47 Millionen Personenkraftwagen auf Deutschlands Straßen unterwegs. Kein Wunder, dass das Straßennetz an seine Grenzen stößt – für diese hohe Auslastung ist es nicht konzipiert worden. Stickige Luft und Lärm mindern die Lebensqualität und schaden uns und unserer Umwelt.

Mit neuen Verkehrsmitteln – so das Versprechen – werden wir den Stau umfahren oder überfliegen. Und autonome Fahrzeuge machen den Transport per Auto zur Arbeits- oder Freizeit. Doch auch selbständig fahrende Transportmittel können ihren Standort nicht ändern, sobald sie Teil der Blechwarteschlange sind.

Meiner Meinung nach liegt das Problem am hohen motorisierten Verkehrsaufkommen an sich.

Und das können wir lösen – zumindest in den Städten. Mit einem altbekannten Werkzeug: dem Drahtesel, einem über viele Jahre bewährtes Fortbewegungsmittel!

Rad fahren in der Stadt hat viele Vorteile: Der Radler ist auf den kurzen Distanzen meist schneller, hält sich fit und kann prima Stress abbauen. Außerdem stößt er keine Schadstoffe aus, ist leise, spart Geld und kann mit seinen erworbenen Ortskenntnissen glänzen. Der Radler ist unabhängig – und nicht zuletzt: Fahrrad fahren macht einfach Spaß!

Der Fahrradmarkt hält für jeden Kunden ein passendes Modell bereit. Das Lastenrad ersetzt mit seiner Ladefläche sogar den Kofferraum. Ältere Fahrer können dank E-Bike locker weite Distanzen und Höhenmeter überwinden, und Berufstätige erreichen ihren Arbeitsplatz unverschwitzt. Gerade E-Bikes sind derzeit enorm beliebt: Mit einem Plus von 36 Prozent stieg der Absatz in Deutschland im Jahr 2018 auf 980.000 Räder mit Elektroantrieb. Rekordniveau!

Dafür muss sich in den Städten einiges ändern

Allerdings: Wer Fahrrad fährt, begibt sich freiwillig in Lebensgefahr. Unsere Städte sind nicht ausgelegt für Radfahrer. Radwege gibt es zwar vermehrt – vorausgesetzt, sie sind nicht mit parkenden Lkws versperrt –, aber vielerorts enden sie abrupt und der Radler wird zu einem gefährlichen Hindernis für Autofahrer. Der Mindestabstand von 1,5 Meter beim Überholen von Fahrradfahrern wird von motorisierten Verkehrsteilnehmern selten eingehalten. Die Ampelschaltungen sind für Radfahrer oft nachteilig. Überhaupt ist die Situation in Stadtzentren zwischen all den Autos, Bussen, Fußgängern und Radfahrern besonders brenzlig. Fahrspaß? Fehlanzeige. Es gilt trotz Straßenverkehrsordnung oft das Recht des Stärkeren.

Wie können wir Radfahren wieder sicher und spaßig machen?

Kopenhagen und Amsterdam, aber auch deutsche Städte wie Bremen und Münster zu Recht den Titel „Fahrradstadt“. Alle haben eine Gemeinsamkeit: Bei der Umgestaltung ihrer Verkehrswege war die Sicht der Radfahrer das wichtigste. Im Einzelnen haben die Städte folgendes unternommen:

  • Mit einer zentralen Planungsstelle für Radwege werden Übergänge zwischen den Stadtteilen ohne abrupte Brüche geplant und gebaut.
  • Ein Bordstein trennt die Autofahrbahn von dem Radweg – schlechte Karten für Parkende PKW auf Radwegen.
  • In sogenannten Fahrradstraßen haben ausschließlich Radfahrer Vorfahrt. In manchen Fällen sind KFZ oder Motorräder nicht gestattet. Tempolimit: 30 km/h.
  • Die vier Meter breiten, zweispurigen und mindestens fünf Kilometer langen Fahrradschnellwege sollen vor allem Pendler ansprechen. Seltene Ampelschaltungen oder Unterführungen garantieren das Ziel schnell zu erreichen. Tempolimit: 30 km/h.
  • Beliebte Stadtteile sind mit Brücken verbunden, die ausschließlich für Fuß- und Radfahrer erlaubt sind. In Kopenhagen führt eine Brücke direkt in ein Fahrradparkhaus mit Reparaturservice.
  • Angenehmes und schnelles Radfahren ist nur möglich, wenn Halte-Phasen an Ampeln minimiert werden oder die Ampel den Radlern Vorrang gewährt.
  • Unfallschwerpunkt Nummer Eins ist das Überqueren von Kreuzungen. Das einfachste und effektivste Mittel Unfälle zu minimieren, ist die Einführung von Tempolimits.
  • Dort, wo viele Menschen aufeinandertreffen, ist Rücksichtnahme oberste Priorität. Verkehrsregeln müssen eingehalten werden. Oft sind es Radfahrer, die einen Abbiegevorgang nicht rechtszeitig signalisieren oder abrupt anhalten. Hier sensibilisieren die Städte regelmäßig ihre Bürger.

In den Niederlanden ist der starke lokale Radverkehr eng verzahnt mit dem ÖPNV, Carsharing und Leihfahrrädern: Dort können Bürger das gesamte Land mit einer einzigen Chipkarte bereisen.

Der Ausbau des Radverkehrs ist ein wichtiger Bestandteil der städtischen Verkehrswende und letztendlich der Energiewende. Neben einem PKW-Fahrverbot in Innenstädten und dem Einsatz von E-Mobilität haben die Städte vielleicht noch eine Chance, ihre Klimaziele zu erreichen. Wie wirksam Fahrverbote für PKW sein können, zeigt Madrid: 24 Prozent weniger Verkehrsaufkommen im Stadtkern – prompt ging die Stickstoffdioxidbelastung um 48 Prozent zurück. Auch die Verschmutzung außerhalb des Stadtkerns sank.

Und wenn das Auto verdrängt ist, kommt es zwangsläufig zur Renaissance des Rads. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden, sondern manchmal einfach nur die Infrastruktur drumherum.

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