Wie geht es weiter nach Corona? Sieben Lehren aus dem Stillstand

Die Corona-Krise könnte riesige Chancen für unsere Gesellschaft bereithalten. Wann, wenn nicht jetzt, wollen wir uns darüber austauschen?

Ein Gastbeitrag von Johanna Jaurich, Regisseurin im Team von fechnerMEDIA

Das Team von fechnerMEDIA engagiert sich seit 30 Jahren gegen den Klimawandel und seine Ursachen. Wir glauben an die Kraft von Filmen und dass sie Menschen positiv beeinflussen können. Mit konstruktiven TV-Dokumentationen und Kino-Dokumentarfilmen möchten wir Menschen weltweit informieren und inspirieren, sich der Klimakrise aktiv anzunehmen und sich für die Umsetzung der Pariser Klimaziele stark zu machen. Auch wenn unterschiedliche Strömungen innerhalb von Politik und Wirtschaft einen Keil in die Gesellschaft treiben, um kontinuierlich Interessen zu spalten und eine vernünftige – für uns alle überlebensnotwendige – Klimapolitik unmöglich zu machen, glauben wir an die Kraft der Veränderung.

Und dann kam Corona. Und für viele ein nie gekannter Stillstand.

Auch wir machen uns Gedanken über die derzeitige Situation und deren Auswirkungen. Wir versuchen die Pandemie aus vielen verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, um uns dem anzunähern, was gerade vor sich geht.  Eine unserer liebsten Perspektiven ist der Blick nach vorn, der die Frage aufwirft, was man aus dieser ungewöhnlichen Situation lernen kann. Welche Chancen ergeben sich aus der aktuellen Situation, die Gesellschaft positiv zu verändern?

Ist es nicht erstaunlich, wie geschlossen Politik, Wirtschaft und viele Menschen auf die Pandemie reagieren? Plötzlich entsteht eine globale Gemeinschaft, die beinahe selbstverständlich zum Wohle der Menschheit agiert. Dieses Ziel verfolgen Klimaschützer*innen und viele andere seit Jahrzehnten! Die momentane globale Krise lässt uns innehalten, wirft Fragen auf und bietet uns vielleicht sogar wertvolle Chancen für eine Neuorientierung.

Deshalb haben wir unsere Hoffnung zu Wort kommen lassen und möchten ein paar ihrer Gedanken mit Euch teilen:

  1. Globale Probleme im globalen Kollektiv lösen

Im Angesicht der Corona-Krise könnten Menschen begreifen, dass globale Probleme uns alle im selben Boot sitzen lassen. Wenngleich die Auswirkungen in überfüllten Flüchtlingslagern, Ländern mit maroden Gesundheitssystemen und großer Armut oder bei Risikogruppen um ein Vielfaches verheerender sind und sein werden, betrifft die Krise potentiell alle Menschen. Diese kollektive Erfahrung könnte uns auch bei der Bekämpfung zukünftiger globaler Krisen leiten, allen voran bei der Verhinderung nahender Kipppunkte des Weltklimas. Corona wie auch die Klimakrise machen nicht an nationalen Grenzen Halt und können deshalb auch nur international und gemeinsam gelöst werden. Lasst uns darüber sprechen, welche Krisenbewältigungs-Strategien wir aus dem Umgang mit Corona ableiten können, die wertvolle Impulse für einen Umgang mit der parallelen Klimakatastrophe geben?

 

  1. Die Vision vom Neustart

Die noch nie dagewesene Zwangsstilllegung vieler Arbeitsbereiche und die massive Einschränkung der Mobilität konfrontieren viele Menschen mit einem ungekannten Innehalten. Wer sich jetzt nicht um Homeschooling, Angehörige oder Existenzängste kümmern muss, kann vielleicht diese Chance nutzen, um unser derzeitiges Wirtschaftssystem und unseren Lebensstil zu überdenken. Denn es wird Zeit für einen Neustart. Umso wichtiger ist jetzt, welche Geschichten wir uns gegenseitig erzählen: Anstatt minutiös Fallzahlen zu verkünden, lasst uns über unsere Gesellschaft, über internationale Solidarität über Grenzen hinaus, ein neues Wirtschaften und gerechte Ressourcenverteilung, die faire Entlohnung von Arbeitsplätzen und den Ausbau Erneuerbarer Energien sprechen. Jetzt ist die Zeit für Anstöße: zum  bedingungslosen Grundeinkommen, einer Neuorientierung des Tourismus, dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, dem Voranbringen einer Gemeinwohlökonomie und ja, das auch: einer Abkehr vom absurden Turbokapitalismus. „Dream big or go home” wird jetzt zu „Dream big while staying home!“.

 

  1. Regeneration der Natur beobachten

Es berührt uns, zu sehen, wie sich die Natur erholt, nachdem die Menschen ihr vermeintlich notwendiges Hamsterrad für zwei Wochen verlassen haben. Saubere Kanäle und Delphine in Venedig, blauer Himmel über Peking, Zugvögel die früher als sonst zurückkehren… Die Natur atmet auf und lädt uns ein, dasselbe zu tun. Wie können wir ab jetzt sorgsamer mit uns, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt umgehen? Wo können wir die Schönheit der Natur für uns wiederentdecken und uns nach COVID-19 für ihren Erhalt stark machen? Nach mehreren Wochen häuslicher Quarantäne wird es ein Fest, barfuß durch’s Gras zu laufen, dem Knarzen des Waldes zu lauschen oder uns eine Prise Meeresluft um die Nase wehen zu lassen. Auf dass wir dieses Gefühl kultivieren, sodass es uns nie mehr entrinnt und uns in unserem Handeln den Weg der „friedlichen Ko-Existenz“ weist.

 

  1. Solidarität und Wertschätzung mitteilen

Bei allen wichtigen Informationen zur Prävention da draußen: Anstatt uns gegenseitig in Panik zu versetzen, lasst uns einander auch erzählen, wie sich die Menschen annähern: Eltern, die Zeit mit ihren Kindern verbringen; Nachbar*innen, die sich kennenlernen; zugezogene Geflüchtete, die jetzt Masken für die Menschen in ihrer neuen Heimat nähen, Freund*innen, die die Digitalisierung nutzen, um in Kontakt zu sein. Nicht zu vergessen die Pfleger*innen, Postbot*innen, Kassierer*innen und ältere Menschen, die ins Blickfeld der Aufmerksamkeit rücken, nachdem sie zu lange unsichtbar waren (und neben Applaus auch endlich mal eine fairere Bezahlung verdienen).

 

  1. Ungleichgewicht des Systems hinterfragen

Durch Corona werden die krankhaften Auswüchse unseres Systems und Schwachstellen der Gesellschaft erschreckend sichtbar. Was passiert mit Menschen, die in Obdachlosigkeit leben? Welche Rolle spielt der Umgang der EU nach der Finanzkrise bei den Ausmaßen der Corona-Epidemien in Italien, Spanien oder Griechenland? Wie kann es sein, dass Menschen in überfüllten Lagern in Lesbos, innerhalb Europas!, zusammengedrängt und in Corona-Zeiten ihrem Schicksal überlassen werden? Wie können wir verantworten, dass Tausende Pflegekräfte und Ärzte aus osteuropäischen Ländern in Deutschland im Einsatz sind, während in ihren Heimatländern das Gesundheitssystem zusammenbricht? Und wie können wir diesen Tendenzen entgegensteuern und eine gerechtere Alternative entgegensetzen?

 

  1. Regionale Unternehmen unterstützen

Wie können wir dazu beitragen die Vielfalt regionaler Unternehmen zu bewahren, deren Existenzen mit jedem weiteren Tag des Shutdowns bedrohter werden? Neben Crowdfunding-Kampagnen braucht es auch staatliche Unterstützung (und sicherlich keine Mietminderungen für Unternehmen mit Milliardengewinnen auf Kosten des globalen Südens). Wie können wir im Kleinen wie im Großen unsere Wirtschaft umgestalten und uns dabei am Gemeinwohl und an internationaler Klimagerechtigkeit orientieren?

 

  1. Demokratie & Freiheit wertschätzen und pflegen

In Zeiten von Ausgangsbeschränkungen spüren viele von uns zum ersten Mal das Fehlen demokratischer Privilegien am eigenen Leib – und zwar grundlegende Freiheiten, die uns vorher selbstverständlich erschienen. Neben allen präventiven Gesundheitsmaßnahmen halten wir es für essentiell, dass wir uns Gedanken über eine freie Gesellschaft machen, die sich von Visionen und nicht von Angst leiten lässt. Denn mit einem Ziel vor Augen lässt sich leichter der richtige Weg einschlagen. Wie denken Menschen jetzt und nach Corona über ihre individuellen Freiheiten nach? Wie können wir uns demokratische Errungenschaften erhalten, während wir darauf achten die Ansteckungsgefahr gering zu halten? Wieviel Kontrolle (oder persönliche Daten mittels Tracking Apps) wollen wir im Namen unserer Gesundheit aus den Händen geben? Ganzheitliche Gesundheit kann es nur mit einem freien Geist geben. Lasst uns diesen behalten!

Es ist uns ein großes Anliegen, dass wir als fechnerMEDIA neue Geschichten – Geschichten vom Wandel, Nachhaltigkeit, Zusammenleben – in die Welt bringen. Da draußen schlummern so viele inspirierende Ideen, so viele Menschen, die sich im Stillen für die neue Welt von morgen einsetzen und nicht gehört werden. Lasst uns den Raum dafür öffnen! Lasst uns miteinander austauschen, diskutieren, vernetzen! Lasst uns gemeinsam was bewegen, gestalten und manchmal auch verwerfen. Das Pariser Klimaabkommen gibt uns wichtige Ziele vor. Lasst uns diese in die Tat umsetzen und – ja, trotz Corona – noch heute damit anfangen.

Deshalb laden wir euch ein: Erzählt uns von euch, damit wir eure Geschichten in die Welt bringen können! Wie erlebt ihr den Wandel durch die Corona-Krise? Worüber sollen wir zukünftig berichten? Und wie kann unsere gemeinsame Geschichte eurer Meinung nach weitergehen?

Schreibt uns auf Instagram und Facebook (@fechnerMEDIA) oder eine gute alte Email (info@fechnermedia.de). Wir können es kaum erwarten, von euch zu hören!

Regisseurin im Team von fechnerMEDIA. Zu Ihren Filmen zählt unter anderem der prämierte Dokumentarfilm "DER KAMPF UM DIE KOHLE – Drei Menschen, eine Geschichte".
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